von Benedikt Stentrup | Mai 2026 | Blog
Stell dir vor, deine Bauarbeiter sitzen auf dem Rückweg von der Baustelle im Transporter – einer fährt, der andere generiert mit dem Handy Firmensongs in verschiedenen Musikstilen. Schlager, Rock, Hip-Hop. Alles über KI. Alles über dein Unternehmen.
Genau das ist mir Anfang 2025 passiert. Und in diesem Moment wurde mir klar: Die Angst vor KI ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass viele Unternehmer – ich eingeschlossen – zu lange gewartet haben, anzufangen.
In diesem Artikel erzähle ich dir, wie ich als Wirtschaftsingenieur ohne IT-Hintergrund innerhalb von sechs Monaten eine echte KI-Betriebsplattform für die Sanierungstechnik Dommel GmbH aufgebaut habe. Mit 20 aktiven Nutzern, konkreten Ergebnissen und einem Return on Investment, der nach drei bis vier Monaten bereits spürbar war.
Warum KI lange kein Thema für mich war – und dann plötzlich doch
Ich bin kein Technik-Nerd. Ich bin Unternehmer. Und KI war für mich lange Zeit etwas Abstraktes, das irgendwo in der Zukunft passiert – aber nicht in meinem Kanalsanierungsbetrieb mit 95 Mitarbeitern.
Dann gab es zwei Schlüsselmomente, die mich aufgeweckt haben.
Schlüsselmoment 1: Meine Kinder kamen aus der Schule und erzählten, dass Klassenkameraden in Geschichte eine 5 kassiert hatten – weil sie ihr Referat komplett mit ChatGPT geschrieben hatten. Die Lehrerin hatte es sofort gemerkt: zu generisch, zu glatt. Und ich dachte: Wenn Dreizehnjährige das schon selbstverständlich nutzen, sollte ich mit Anfang 40 vielleicht auch mal anfangen.
Schlüsselmoment 2: Unsere Weihnachtsfeier Anfang 2025. Unsere gewerblichen Mitarbeiter – Bauarbeiter, Tiefbauer – koppelten ihr Handy an die Musikbox und spielten selbst erstellte Dommel-Firmensongs ab. Generiert mit KI. Auf dem Rückweg von der Baustelle. Ich stand da mit offenem Mund. Nicht nur weil ich stolz war, wie sehr sie sich mit dem Unternehmen identifizieren. Sondern weil mir klar wurde: Mein Team hat keine Angst vor KI. Die sind im Privaten längst aktiv.
Das war der Moment, in dem ich entschieden habe: Jetzt mache ich das richtig.
Der strukturierte Einstieg: Warum ich einen KI-Führerschein gemacht habe
Ich hätte einfach einen ChatGPT-Account anlegen und loslegen können. Habe ich vorher auch schon gemacht. Und war jedes Mal enttäuscht. Die Ergebnisse waren zu generisch, zu unpersönlich, zu weit weg von dem, was wir bei Dommel wirklich brauchen.
Das Problem war nicht die KI. Das Problem war, dass ich nicht wusste, wie ich sie richtig einsetze.
Deshalb habe ich mich für den KI-Führerschein beim Institut Perspektive Handwerk angemeldet – einen IHK-zertifizierten Online-Lehrgang, der speziell auf Handwerksbetriebe zugeschnitten ist. Ab September 2025 habe ich jede Woche anderthalb bis zwei Stunden investiert. Lektionen gemacht, ausprobiert, Fehler gemacht, wieder ausprobiert.
Was ich dabei gelernt habe, hat alles verändert: Wie du die KI mit deinem eigenen Firmenwissen fütterst. Welches Sprachmodell für welche Aufgabe geeignet ist. Wie du Prompts so baust, dass die Ergebnisse wirklich zu dir passen.
Schlagartig wurden die Ergebnisse besser. Nicht perfekt – man schaut immer noch drüber, die Verantwortung bleibt beim Menschen. Aber von der Qualität auf einem ganz anderen Level. Und der Return on Investment der investierten Zeit? Der war nach drei bis vier Monaten bereits da.
Die Plattform: Warum wir uns für Langdock entschieden haben
Parallel zum Führerschein bin ich über die Betriebsplattform Langdock gestolpert – und das war ein Glücksgriff.
Mein zentrales Anliegen war Datenschutz. Ich wollte nicht, dass sensibles Firmenwissen irgendwo in die Welt hinausgeht oder zum Trainieren von KI-Modellen verwendet wird. Langdock hat seinen Sitz in Berlin, die Server stehen in Frankfurt, alles ist DSGVO-konform und zertifiziert. Diese Vorbehalte – die viele Unternehmer vom Einstieg abhalten – waren damit gelöst.
Was mich zusätzlich überzeugt hat:
- Gruppen und Rollen: Genau wie in einer normalen IT-Infrastruktur kannst du festlegen, wer auf welche Inhalte zugreifen darf. Unsere Personalabteilung sieht Dinge, die der Bauleiter nicht sehen muss. Und umgekehrt.
- Mehrere Sprachmodelle: GPT, Claude, Gemini – alle in einer Oberfläche. Ich vergleiche das gerne mit Werkzeug: Mit dem Steinbohrer bohrst du nicht durch Gipskarton, mit dem Holzbohrer nicht durch Stahl. Jedes Modell hat seine Stärken.
- Schnittstellen: Outlook, SharePoint, OneDrive, CRM-Systeme – vieles lässt sich anbinden.
- Preis: Nicht wesentlich teurer als ein normaler Pro-Account bei einem einzelnen Anbieter.
Und das Wichtigste: Selbst ich – kein IT-Nerd, kein Programmierer – habe es geschafft, diese Plattform für uns einzurichten.
(Hinweis: Das ist keine gesponserte Erwähnung. Ich zahle die regulären Gebühren wie alle anderen auch.)
Der KI-Kickoff: Wie ich mein Team mitgenommen habe
Es bringt nichts, wenn nur der Chef mit KI herumspielt. Das war mir früh klar. Aber wie nimmst du ein Team mit, ohne Druck aufzubauen?
Ich habe alle 23 Büroangestellten zu einem internen KI-Kickoff-Workshop eingeladen – mit einer klaren Botschaft: Freiwillig. Kein Befehl. Wer Lust hat, kommt.
17 von 23 sind gekommen. Das ist ein guter Schnitt.
Im Workshop haben wir zunächst abgefragt, was die Mitarbeiter bereits kennen und nutzen. Das Ergebnis war überraschend: Einige waren schon sehr aktiv – allerdings auf privaten Accounts und privaten Geräten, weil wir im Unternehmen noch keine Lösung bereitgestellt hatten.
Dann haben wir in Kleingruppen Anwendungsfälle gesammelt und diese auf einem Koordinatenkreuz einsortiert: Welche Wirkung hat es? Wie viel Aufwand macht es? Wir haben uns die Dinge herausgepickt, die mit wenig Aufwand eine große Wirkung haben – und dort angefangen.
Das Ergebnis: Die Mitarbeiter waren sofort motiviert. Weil sie selbst mitentschieden hatten, womit wir starten.
Einen Moment werde ich nicht vergessen: Ein Mitarbeiter Anfang 60 – der hätte das Thema locker aussitzen können, drei Jahre bis zur Rente – stand irgendwann vor meinem Schreibtisch und stellte mir eine KI-Frage, die ich nicht beantworten konnte. Er hatte sich bereits einen eigenen Workflow gebaut. Das hat mir gezeigt: KI-Einführung ist ein Kulturthema. Wenn du als Chef vorangehst und Neugier zeigst, überträgt sich das auf dein Team.
Was wir konkret gebaut haben: Vier Anwendungsfälle, die wirklich funktionieren
1. Der gemeinsame Wissenspool
Alle 20 Nutzer greifen auf denselben Wissenspool zu. Darin: unsere Imagebroschüre, Unternehmenswerte, technische Regelwerke, Bauverfahren, Kennzahlen. Jeder Mitarbeiter, der die KI etwas fragt und auf dieses Wissen zugreift, bekommt Antworten, die wirklich zur Sanierungstechnik Dommel passen – nicht generische Texte aus dem Internet.
2. Das interaktive Unternehmenswiki
Kennst du das? Ein ISO-9001-Handbuch, das irgendwo im Schrank steht und nur herausgeholt wird, wenn etwas schiefgelaufen ist. Kein Mensch liest es freiwillig.
Wir haben das anders gemacht. Unser KI-gestütztes Unternehmenswiki ist niedrigschwellig, interaktiv und immer aktuell. Ein Baustellenmitarbeiter, der neue Arbeitsschuhe braucht, findet dort: welche Modelle wir haben, wo er sie bekommt, und bis zu welchem Freibetrag er sich selbst welche kaufen darf. Angelehnt an eine Begrüßungsmappe im Hotel – nur für den Arbeitsalltag.
Für die Erstellung nutzen wir einen Prozessagenten, der im Frage-Antwort-Format Unternehmensprozesse in einem einheitlichen Standard dokumentiert. Ablauf, Verantwortliche, Kennzahlen, Revisionsdatum – alles strukturiert, alles zugänglich.
3. Stellenbeschreibungen mit dem ScaleUp-Framework
Wir arbeiten mit dem Framework aus dem Buch Scaling Up: Jede Rolle hat ein Objective, Job Results, Entscheidungsbefugnisse und Kennzahlen. Früher war das mühsame Handarbeit. Heute sparrt ein KI-Agent mit mir – und greift dabei automatisch auf unsere Unternehmenswerte, Ziele und Vision zu. Das Ergebnis ist nicht generisch, sondern wirklich auf Dommel zugeschnitten.
4. Der E-Mail-Assistent – meine Geheimwaffe
Das ist mein persönlicher Favorit. Der E-Mail-Assistent kennt meinen Schreibstil, meine Rolle, mein Unternehmen. Er hat Zugriff auf mein Outlook-Postfach und meinen Kalender.
Ich sage ihm: „Antworte auf die E-Mail von Herrn Müller.“ Er erkennt, ob es eine Terminanfrage ist, schaut in meinen Kalender, schlägt freie Zeiten vor und fragt mich: „Duzt du den Herrn Müller? Soll der Ton freundschaftlich, sachlich oder formell sein?“
Letzte Woche hatte ich eine Situation, in der mir die Kommunikation eines Lieferanten zu einer Preiserhöhung nicht gefallen hat. Ich habe dem Assistenten gesagt: „Sachlich, aber deutlich.“ Die Antwort kam beim Gegenüber genau so an.
Zeitersparnis: 45 bis 60 Minuten pro Tag. Das ist kein Versprechen – das ist meine tägliche Erfahrung.
Was du unbedingt vermeiden solltest
Aus meinen Fehlern und denen anderer Betriebe habe ich einiges mitgenommen:
1. Generische KI ohne Firmenwissen nutzen. Die Ergebnisse sind enttäuschend. Investiere die Zeit, deiner KI dein Unternehmen beizubringen.
2. Als Einziger starten und zum Flaschenhals werden. Ich war kurz davor. Deshalb haben wir 17 Mitarbeiter ebenfalls in den KI-Führerschein angemeldet – damit jeder in seinem eigenen Tempo Gas geben kann.
3. Datenschutz ignorieren. Gerade im Mittelstand mit sensiblen Kunden- und Personaldaten ist das kein Luxusthema. Wähle eine Lösung, die DSGVO-konform ist und deren Server in der EU stehen.
4. Druck aufbauen. KI-Einführung ist Veränderungsmanagement. Wer zwingt, verliert. Wer einlädt und begeistert, gewinnt.
Was KI-Einführung und Unternehmensnachfolge gemeinsam haben
Ich begleite Unternehmer bei der Nachfolge. Und je mehr ich mich mit KI beschäftige, desto klarer wird mir: Beides ist im Kern dasselbe – Change Management.
Bei der Nachfolge geht es darum, ein Unternehmen in eine neue Ära zu führen, ohne das Vertrauen der Mitarbeiter und Kunden zu verlieren. Bei der KI-Einführung geht es darum, neue Werkzeuge in eine gewachsene Kultur zu integrieren, ohne Angst zu erzeugen.
In beiden Fällen gilt: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Die Technik ist das Werkzeug.
Und in beiden Fällen gilt: Wer als Führungskraft vorangeht, gibt dem Team die Erlaubnis, mitzugehen.
Mein Fazit nach sechs Monaten
Ich habe in dieser Zeit etwa zwei bis drei Stunden pro Woche in das Thema investiert. Manchmal auch einen ganzen Sprinttag, um Wissen für den Wissenspool aufzubereiten. Der Return on Investment war nach drei bis vier Monaten bereits spürbar.
Heute haben wir 20 aktive Nutzer auf unserer KI-Plattform. Täglich werden Aufgaben damit erledigt. Prozesse werden schneller, Texte besser, Entscheidungen fundierter.
Und ich – der Nicht-IT-Nerd, der Wirtschaftsingenieur aus dem Tiefbau – habe es geschafft, das aufzubauen.
Wenn ich das kann, kannst du das auch.
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Benedikt Stentrup ist geschäftsführender Gesellschafter der Sanierungstechnik Dommel GmbH und Gründer der Nachfolgeschmiede. Als selbst gegangener Nachfolger begleitet er Unternehmer und Nachfolger im Mittelstand bei Führung, Strategie und Veränderungsprozessen.




