Stell dir vor, du stehst vor einer der wichtigsten Entscheidungen deines Lebens: Soll ich als Kind direkt in das Familienunternehmen einsteigen oder erst einmal woanders Erfahrung sammeln? Diese Frage spaltet Familien und Experten gleichermaßen.
In diesem Artikel berichte ich von meinen persönlichen Erfahrungen und wie ich heute, fast zehn Jahre nach dem Einstieg in das Unternehmen meines Vaters, darauf zurückblicke.
Lies weiter, denn die Antwort könnte für Dich den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg bedeuten.
Mein Weg
Bevor ich das Unternehmen von meinem Vater übernommen habe, habe ich zuerst in Summe zehn Jahre lang woanders Berufserfahrung gesammelt:
- Bei einem Marktbegleiter, der deutlich größer war, als Bauprojektleiter. Dort hatte ich auch schon als Werkstudent gearbeitet und auch meine Diplom-Arbeit geschrieben.
- Danach war ich bei zwei bei international tätigen Herstellern für spezielle Baumaterialien und Geräte. Dort durfte ich umfangreiche Vertriebs-Erfahrung sammeln. Zuletzt war ich bei diesem Betrieb Vertriebsleiter und auch schon angestellter Geschäftsführer tätig.
- Und dann kam auf dem 60. Geburtstag meines Vaters der Ball der Nachfolge ins Rollen. Bald darauf entschied ich mich dazu, meinen Vater im Unternehmen zu beerben.
Ich versuche nun abzuwägen, welche Vor- und Nachteile es hat, wenn man als Sohn oder Tochter erst einmal außerhalb des Familienbetriebes Erfahrungen sammelt.
Vorteile:
- Man bekommt einen realistischen Blick für betriebliche Abläufe, da man ja woanders nicht als zukünftiger Chef angesehen wird, sondern ein „normaler Angestellter“ ist. Erst recht, wenn Du woanders Deine Ausbildung machst oder im/nach dem Studium dort einsteigst.
- Man bringt Erfahrungen mit
- Fachliche Erfahrung, je nachdem, ob man in der gleichen Branche tätig ist wie der eigene Familienbetrieb.
- Kaufmännische Fähigkeiten, auch bei anderen Betrieben gibt es ein Controlling oder einen Jahresabschluss.
- Führungserfahrung, wenn man woanders schon Verantwortung übernimmt. Man kann hier ohne den „Chef-Joker“ spielen zu können echte Führungsfähigkeiten aufbauen.
- Soziale Kompetenzen im Umgang mit Kollegen, Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten, Behörden etc.
- Man bringt neue Ideen und andere Perspektiven mit, weil in dem anderen Betrieb ja Dinge anders gemacht und ggf. sogar besser gemacht werden als im elterlichen Betrieb. Bei mir war es so, dass mein erster Arbeitgeber nach dem Studium bundesweite Niederlassungen hatte, ganz klare Strukturen hatte und viel größere Projekte stemmen konnte als das Unternehmen, das ich später übernommen habe.
- Man bekommt auch ein besseres Verständnis für die Wettbewerbsposition des eigenen Unternehmens und kann besser beurteilen, wie das eigene Familienunternehmen aufgestellt ist. Das kann sowohl Produkteigenschaften betreffen, aber auch wie hoch die allgemeinen Geschäftskosten sind.
- Man baut ein Netzwerk auf und lernt schon Geschäftspartner kennen oder weiß schon, wie in manchen Branchen Lobbyarbeit funktioniert, oder wie technisches Regelwerk erarbeitet wird.
- Man reift und wächst als Mensch. Das kann helfen den eigenen Weg zu finden, weil man sich ohne die Familien im Rücken selber profilieren muss. Vielleicht hat man ja auch das Glück, dass dort auch schon Personalentwicklung betrieben wird und man auch Führungskräftetrainings mitmachen darf, von denen man später als Nachfolger noch profitiert.
- Man kommt nicht als Sohn/Tochter ins Unternehmen: Man muss weniger beweisen und genießt höheres Ansehen, weil man ja woanders schon etwas erreicht hat. Das habe ich bei mir auch ganz stark gemerkt, es gab ja einzelne Mitarbeiter, die kannten mich noch von Ferienjobs für meinen Vater, aber die haben mich ganz anders wahrgenommen, weil sie wussten, dass ich auch ohne Unterstützung meines Vaters woanders Karriere gemacht hatte.
Ich hatte übrigens das Glück, dass ich während meiner Zeit vor der Nachfolge immer Chefs hatte, die mich gefordert und gefördert haben. Ich habe dort verantwortungsvolle Projekte und Aufgaben erhalten, musste mich dabei natürlich auch beweisen, habe aber sehr viel dabei gelernt. Zu meinen ehemaligen Chefs habe ich auch heute noch Kontakt.
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten:
Nachteile:
- Verlust von Betriebsbindung: Wer längere Zeit außerhalb arbeitet, verliert möglicherweise den engen Bezug zum eigenen Familienunternehmen und dessen spezifischen Abläufen. Es besteht das Risiko, dass die emotionale Bindung zum Betrieb oder zur Belegschaft abnimmt. Im Extremfall kann es ja auch sein, dass man sich dann irgendwann gar nicht mehr vorstellen kann, in den heimischen Betrieb zurückzukehren.
- Verpasste interne Entwicklungsmöglichkeiten: Wer frühzeitig im Familienunternehmen einsteigt, kann gezielt auf die spätere Übernahme vorbereitet werden und internes Wissen aufbauen. Das ist auch ein bisschen abhängig vom Alter der abgebenden Person: Die Zeit, die der Nachwuchs außerhalb des Familienbetriebes verbringt, verzögert die Übernahme – das kann problematisch sein, wenn der Generationswechsel zeitkritisch ist oder der Senior früher ausscheiden möchte.
- Frühzeitige Einbindung ermöglicht es, das Unternehmen und seine Kultur von Grund auf kennenzulernen und sich ein internes Netzwerk zu schaffen.
- Möglicher Widerstand gegen Veränderungen: Wer mit neuen Ideen und externen Erfahrungen zurückkehrt, stößt nicht selten auf Widerstand bei der älteren Generation oder langjährigen Mitarbeitern. Die Umsetzung von Innovationen kann durch tradierte Strukturen erschwert werden.
Man kann also nicht pauschal sagen, welches der bessere Weg in die Nachfolge ist. Ich persönlich bin ein Verfechter davon, wenn Kinder erst einmal außerhalb des Familienbetriebes Erfahrungen sammeln, da mir dieser Weg fachlich und menschlich sehr geholfen hat. Ohne meine externen Erfahrungen hätte ich nicht so ein gutes Handwerkszeug gehabt und wir hätte nach meinem Einstieg das Familienunternehmen nicht so stark wachsen lassen können.
Aber wie gesagt, es gibt auch genügend Beispiele, wo Kinder direkt mit der Ausbildung oder unmittelbar nach dem Studium in den Elterlichen Betrieb gehen. Hier denke ich, ist externe Unterstützung und sehr gute Kommunikation nötig, damit die Verantwortungs-Übernahme für Senior und Junior und auch vor den Augen der Belegschaft gut klappen kann.
Und diese Planungen müssen natürlich auch zur jeweiligen Lebensphase passen: Mir hat die Nachfolge meines Vaters geholfen, wieder heimatnah sesshaft zu werden. Gerade wenn man kleine Kinder hat, ist es ja vorteilhaft, wenn man seine Eltern oder Schwiegereltern in der Nähe hat und notfalls ein Kind auch mal mit in den Betrieb nehmen kann. Das ist wahrscheinlich als normaler Angestellter deutlich schwieriger unter einen Hut zu bekommen. Hier liegen dann ganz klar die Vorteile des Familienunternehmens.